LAURA FINK . JG 1942 . ANDELSBUCH 2021
Die ursprüngliche Form der Bregenzerwälder Frauentracht ist die älteste Tracht im Alpenraum und hat ihre Wurzeln im späten 15./Anfang 16. Jahrhundert. Von den Einwohnern des Bregenzerwaldes wird die Tracht auch als „Juppô“ bezeichnet und erlebt zurzeit eine wahre Renaissance. Die Wälderin Laura Fink stellt schon seit vielen Jahren die Bestandteile Blëatz, Bändel und Keadara für die Juppe her und hat uns von ihrem traditionellen Handwerk erzählt.
Im Alter von 20 Jahren kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der Stickerei. Für eine wichtige Festlichkeit brauchte meine Mutter eine neue Juppe und dafür gab es früher zwei Möglichkeiten. Man konnte nach Bezau zum „Koufmännlar“ fahren und es von dem Sortiment, das von unterschiedlichsten Stickerinnen der Region angeboten wurde, kaufen. Oder man musste es selber machen. Meine Mutter traf damals den Entschluss, dass ich doch während dem Winter genug Zeit hätte, das Handwerk zu erlernen. Doch früher gab es noch keine Kurse wie heute, man musste eigenständig eine Person finden, die sich bereit erklärt, ihr Wissen weiter zu geben. So ging meine Mutter für mich auf die Suche nach einer passenden Lehrerin und schon bald durfte ich regelmäßig zu einer Schwarzenbergerin, die eine sehr begabte Stickerin war. Sie zeigte mir, während dem ganzen Winter, ihre Fertigkeiten und so konnte ich sehr viel von ihr und ihrer Kunst lernen. Ich bestickte Bändel sowie einen Blëatz und habe mit einer bestimmten Knüpftechnik Keadara hergestellt. Die Bregenzerwälder Frauentracht besteht aus mehreren einzelnen, wichtigen Bestandteilen. Jede fertige Frauentracht ist ein Unikat und kann in keinem Geschäft gekauft werden. Jedes einzelne Teil muss man bei verschiedenen Kunsthandwerkern in Auftrag geben und die Tracht wird auf die Frau maßgeschneidert oder vererbt. Jedes Element hat dabei eine eigene Bezeichnung. Der Blëatz ist ein bunt- oder goldbestickter Brusteinsatz, das Miedersaumband ist der Bändel und das schmale, aus Goldfäden geknüpfte, Band in der
Rückenmitte ist die Keadara.

Ich übte weiter und weiter – hauptsächlich im Winter, weil wir im Sommer auch genügend andere Arbeit zu erledigen hatten. Aber wenn die Zeit da war, habe ich gestickt und das Handwerk immer besser beherrscht. Denn die Übung ist das Wichtigste! Anfangs stickte und knüpfte ich für viele Frauen aus unserem Bekanntenkreis, wenn sie was Neues brauchten oder etwas repariert werden musste. Von Zeit zu Zeit hat sich meine Arbeit aber auch herumgesprochen, meine Arbeiten wurden an Juppenträgerinnen gesehen und immer mehr Wälderinnen sind mit Aufträgen zu mir gekommen. Je nachdem wie aufwändig ein Blëatz bestickt wird, ist man zwischen 35 bis 40 Stunden daran beschäftigt. Besonders heute ist mein Handwerk etwas Einzigartiges. Es ist ein Kunsthandwerk.  Um dieses zu erhalten, habe ich vor 20 Jahren einen einjährigen Kurs veranstaltet und dabei sechs Frauen das Sticken und Knüpfen gelehrt. Es waren sehr talentierte Teilnehmerinnen dabei und einige führen die Kunst nun auch weiter. Auch ich mache heute noch, auf Anfragen, vereinzelte Arbeiten. Hauptsächlich nehme ich Reparaturarbeiten am Blëatz vor. Eine Keadara kann man allerdings nicht ausbessern, die mache ich stets neu. Besonders schön finde ich, dass wir in der heutigen Zeit Fotos von unseren Arbeiten machen und damit die Ergebnisse immer wieder anschauen können, denn früher hat man schon beinahe vergessen, wie und was man alles hergestellt hat. Auch für die Kunden sind die Bilder schön, damit sie eine Vorlage haben und sich so besser vorstellen können, wie ihr Blëatz schlussendlich aussehen soll.
Der Blëatz wird aus bunten und goldenen Fäden gestickt. Früher verwendete man sehr viel Gold, denn nur so passte das Stück zu jeder Wälder-Tracht. Frauen hatten damals mehrere Juppen für verschiedene Anlässe, doch meistens wurde immer derselbe Blëatz verwendet. Die Herstellung war nämlich teuer und man konnte sich nicht für jede Juppe einen extra Blëatz leisten. Einer hat gereicht. Und so wurde sehr viel Gold verwendet, damit es stets farblich passte. Ich bin in Andelsbuch aufgewachsen und auch meine Mutter hat zu Ausflügen, Festlichkeiten und in der Kirche die Tracht getragen. Sie war sozusagen das „Ausgangshäß“. Mein Sälë (Oma) kannte man nicht ohne Juppe. Sie hatte sie noch jeden Tag an, auch zum Arbeiten mit einer Schoß (Schürze). Denn ursprünglich wurde die Juppe auch als Alltagskleidungsstück verwendet, wobei zwischen Feiertagstracht, Sonntagstracht und Werktagstracht unterschieden wurde. Dabei wurden abgetragene Juppen jeweils in die nächst niedere Kategorie „heruntergestuft“, so dass eine Feiertagsjuppe im Laufe der Zeit zur Werktagsjuppe werden konnte. Heutzutage wird die Juppe nur noch zu besonderen Anlässen getragen. Ich finde es toll und bin stolz, dass unsere Tracht auch heute noch getragen wird und unsere jungen Wälderinnen die Tracht wieder „nobel“ finden. Es ist immer schön zu sehen, dass sich die „schneidigen“ Juppenträgerinnen über Komplimente freuen. Denn lange Zeit war es nicht mehr so und unsere Juppe ist fast ausgestorben. Es kam zu Meinungsverschiedenheiten, weil die Tracht ursprünglich nicht mit kurzen Haaren getragen werden durfte. Natürlich sind die „Wälderzöpf“ schön, aber ich denke es reicht auch, wenn man die Haare so zurückbindet, dass sie nicht am Nacken herunterhängen. Man muss mit der Zeit gehen, damit die Tradition nicht ausstirbt.

witr wündôrô...

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