KATHARINA BERCHTOLD
Die junge Designerin aus Schwarzenberg, lebhaft in Dornbirn, hat sich mit der Gründung des schneideratelier sein ihrem persönlichen Lebensweg gewidmet: natürlich, puristisch und zeitlos.
Das schneideratelier sein hat im August 2020 in Dornbirn seine Eröffnung gefeiert. Wie kam es zum Namen sein? Dieses Wort trage ich schon lange bei mir. Ich denke, die so oft gestellte Sinn-Frage, was für einen Zweck erfüllt unsere Existenz, lässt sich damit gut beantworten. Es geht darum, Mensch zu sein und einfach zu leben, mit der Natur und allem Leben der Erde. Mehr ist es nicht. Ein Wort, das alles zusammenfasst sein.
Puristisch, geradlinig, zeitlos – sein ist eine Marke, die sich am Lebensstil des Minimalismus orientiert. Was bedeutet der Minimalismus für dich und wie spiegelt er sich in deiner Kollektion wider? Ich habe eine Diplomarbeit über dieses Thema verfasst und könnte Stunden darüber sprechen. Minimalismus ist ein Lebensstil der, wenn wir ihn verstehen, vieles leichter macht und einige Probleme lösen könnte. Was er für mich bedeutet? – Mein Leben. Statt der Frage was ich habe, stellt sich nur mehr die Frage wer ich bin und wie ich leben möchte. Wie viel tut mir gut und was ist zu viel. Abseits von gesellschaftlicher Erwartung oder Klischee. Weg von der fremdorientierten Persönlichkeit durch Besitz. Klarheit, Raum und viel Zeit zu sein, das bedeutet für mich Leben. Meine Kollektion ist puristisch, auf das Wesentliche reduziert. In Design und Farbe, gradlinig und zeitlos. Kein Detail, das nicht auch einem technischen Zweck dient. Die größte Aufmerksamkeit gilt dem Material - naturverbunden und wertschätzend in Österreich hergestellt. Das Alles sind Eigenschaften, die der Minimalismus in sich trägt.
Deine Produkte werden individuell nach einem Baukastensystem gefertigt. Wie kann man sich das vorstellen? Ein Kleidungsstück besteht immer aus verschiedenen Elementen. Ausschnitt, Ärmel, Länge und Farbe. Jedes dieser Elemente ist ein Baustein. Die Kundin kann zu jedem Baustein zwischen jeweils drei Varianten wählen. Durch persönliche Vorlieben entstehen so individuelle Kombinationen. Hauptsache es unterstreicht das, was SIE ist, worin sie sich wiedererkennt.
Was hast du, was andere nicht haben, was macht das schneideratelier sein so besonders? Ich habe und kann sicher vieles was andere auch haben und können. Es ist wahrscheinlich die persönliche Kombination aus Werten und Erfahrungen, die den einen vom anderen unterscheidet. So bin ich an diesen besonderen Ort gekommen, an den ich meine Kunden einladen darf und ich mich ihnen zuwenden kann, dem was sie sind. Nicht selten werden daraus persönliche Gespräche bei einer Tasse Kaffee. Das ist meine persönliche und
besondere Kombination. Raum und Zeit.
Du arbeitest gemeinsam mit der Malerin Ulrike Maria Kleber in einem Atelier. Könnt ihr euch, trotz der verschiedenen Kunstrichtungen, auch gegenseitig inspirieren? Genau der Unterschied ist die Inspiration, die uns gut tut und eine wunderbare Harmonie erzeugt. Immerhin war sie es, die mich zu sich eingeladen hat und mir den Raum gegeben hat, den ich gebraucht habe. Darüber war und bin ich heute noch unglaublich dankbar. Ihr Zutun, ist ein Grund dafür, dass ich zu sein geworden bin. Das Atelier wäre nicht das Atelier ohne Ulrike. Ich bin der Überzeugung, uns steht eine bewegende Zeit bevor. Was daraus entsteht, wird sich weisen, aber ich weiß, es wird was Gutes.
Hat die Mode als Kunstform Platz in den Köpfen der Menschen oder ist sie nur noch Konsumgut? Was möchtest du mit deiner Mode vermitteln? Eine sehr komplexe Frage. Wenn wir von der Mode sprechen, die in unserem Raum auf den Verkaufsflächen hängt, handelt es sich dabei um ein reines Konsumgut. Trendorientiert, saisonabhängig und in Massenproduktion hergestellt. Wir konsumieren also Vergängliches, um nach kurzer Zeit etwas neues Vergängliches besitzen zu wollen. Ein niemals endender Kreislauf, der extrem viel Zeitdruck, enorme Umweltschäden und ernsthafte menschliche Themen mit sich bringt. In der wahren Kunst steckt viel zu viel Persönlichkeit und Aussage, als dass wir Mode zu Kunst zählen könnten. In der Mode geben die Trends vor, welche Persönlichkeit wir gerade zu sein haben. Oder wir ahmen Persönlichkeiten nach, die wir gerne wären, aber überhaupt nicht zu uns passen. Ich spreche also nicht von der Haute Couture. Aus meiner Mode möchte ich bewusst keine Kunst machen, vielmehr soll sie uns helfen uns aus dieser Spirale zu befreien und stattdessen ein einfacheres, ja vielleicht sogar unspektakuläres Leben zu führen. Dafür in Ruhe und großer Verbundenheit zur Umwelt und vor allem zu sich selbst. Ich möchte die Menschen mehr und mehr zu dem Bewusstsein bringen, dass jeder einzelne, mit seinen täglichen Entscheidungen, die Veränderung erschaffen kann, die er sich für die Welt wünscht. – und wir treffen ständig Entscheidungen, auch wenn wir denken uns dem entziehen zu können, ist es eine Entscheidung, nämlich dass alles so bleibt wie es ist. Ich habe mich dazu entschieden, Veränderung zu sein und meinen Teil dazu beizutragen.
Was inspiriert dich außerhalb des Ateliers? Ganz einfach: Raum, Zeit und das Leben.
Nach deinem Abschluss im Bereich Bekleidungstechnik und dem anschließenden Werbedesign-Studium hast du in verschiedensten Bereichen gearbeitet. Was hat dich dazu gebracht, dein eigenes Label zu gründen und was gefällt dir am besten an deiner Arbeit? Ich habe gelernt und gearbeitet, dann habe ich wieder gelernt und wieder gearbeitet. So ging es eine Zeit lang weiter, bis ich müde war vom Lernen und Arbeiten, weil ich immer noch nicht gefunden hatte, was zu mir passt. Bei jeder Arbeit gab es Bereiche die ich mochte und solche, die ich nicht mochte. An dieser Stelle fragte ich mich, ob es möglich wäre, all meine Erfahrungswerte zu meinem ganz eigenen Beruf zusammenzufassen, auf meine Art und Weise ein Teil der Gesellschaft zu werden. Die nächste Phase hieß dann Vorbereitung auf die Selbstständigkeit. Heute bin ich es nun, Unternehmerin. Aus mögen ist lieben geworden. Der Kontakt mit den Kunden, ihre Begeisterung und die anschließende Ruhe beim Nähen im Atelier sind das, was bei mir „a Hennohud“ erzeugt. Die Zusammenarbeit mit anderen kleinen Unternehmen in meiner Nähe, macht mich glücklich. Ich denke jeder kann etwas, das einem anderen dient und wenn wir daraus Netzwerke bilden, haben auch kleine Fische wie ich, die Chance davon leben zu können. Ich sehe so viele Möglichkeiten und Ideen in der Zukunft von sein, dass ich noch lange nicht fertig mit meiner Sammlung an Erfahrung bin. Das nenne ich Freiheit und ist meine Motivation zu wachsen.

Fotos: Frau Fontain

witr wündôrô...

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